An schönster Lage am Vierwaldstättersee in Vitznau veranstaltete RGS am 4. und 5. Juni das erste zwei-tägige Fachsymposium. Nationale und internationale Fachexpertinnen und -experten referierten zum Thema Mastitis vor der interessierten Tierärzteschaft im Publikum. Das Programm war dicht und vielseitig und beleuchtete die verschiedenen Aspekte der Mastitis des Rindes, angefangen mit der aktuellen Situation in der Schweiz, gefolgt von Diagnostik, Immunologie des Euters, Prävention von Mastitiden und der Präsentation verschiedener Therapieansätze, insbesondere solche aus Norwegen und anderen eher nördlichen europäischen Ländern). Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassungen und Kernaussagen von einigen Vorträgen aus den verschiedenen Themenbereichen.
Bakteriologische Milchuntersuchung und aktuelle Resistenzsituation von Mastitiserregern in der Schweiz
Gudrun Overesch (Institut für Veterinärbakteriologie der Vetsuisse-Fakultät Bern)
Es wurde aufgezeigt, welche Bedeutung die bakteriologische Milchuntersuchung für die Mastitisdiagnostik und den gezielten Antibiotikaeinsatz hat. Dabei wurde deutlich, dass nicht jedes Laborresultat automatisch zu besseren Therapieentscheidungen führt. Entscheidend ist vielmehr, die Möglichkeiten und Grenzen der verschiedenen Untersuchungen richtig einzuordnen.
Die bakteriologische Untersuchung verfolgt in erster Linie das Ziel, den verursachenden Erreger zu identifizieren. Diese Information liefert wichtige Hinweise zur Prognose einer Euterentzündung, zur Wahl geeigneter Behandlungsstrategien und zur Einschätzung möglicher Bestandesprobleme. Gerade bei wiederkehrenden Mastitiden oder gehäuftem Auftreten bestimmter Erreger bildet die Erregerdiagnostik eine wichtige Grundlage für weiterführende Präventionsmassnahmen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Interpretation von Antibiogrammen. Antibiogramme werden häufig als direkte Entscheidungshilfe für die Wahl eines Antibiotikums betrachtet. In der Praxis ist ihre Aussagekraft jedoch begrenzt. Die Beurteilung eines Isolats als empfindlich oder resistent basiert auf festgelegten Grenzwerten, die immer für eine bestimmte Tierart, Erkrankung, Dosierung und Applikationsform definiert werden. Entsprechend können Resultate je nach verwendetem Bewertungssystem unterschiedlich ausfallen.
Zudem wies die Referentin darauf hin, dass die klinische Wirkung einer intramammären Behandlung nicht immer mit dem Resultat des Antibiogramms übereinstimmt. Faktoren wie die Verteilung des Wirkstoffs im Euter, die Dauer der Infektion, die Erregerzahl oder die Immunantwort der Kuh beeinflussen den Behandlungserfolg wesentlich. Ein Antibiogramm liefert deshalb eine zusätzliche Information, ersetzt jedoch nie die klinische Beurteilung des Einzelfalls.
Für die Resistenzbestimmung stehen verschiedene internationale Standards zur Verfügung. Die korrekte Interpretation setzt entsprechende Fachkenntnisse voraus. Gerade deshalb ist eine standardisierte und qualitätsgesicherte Diagnostik von grosser Bedeutung.
Im zweiten Teil des Vortrags stellte G. Overesch das nationale Monitoringprogramm zu Antibiotikaresistenzen bei Tierpathogenen (Bakterien oder andere Mikroorganismen, die Tiere krank machen können) vor. Dieses Programm verfolgt das Ziel, die Resistenzentwicklung wichtiger Krankheitserreger in der Schweiz systematisch zu erfassen. Die Grundlage dafür bilden Isolate aus diagnostischen Einsendungen, die von Schweizer Laboratorien gesammelt und ausgewertet werden. Die Resistenzbestimmung erfolgt mittels Mikrodilutionsverfahren und Bestimmung der minimalen Hemmkonzentration. Dadurch entstehen belastbare und international vergleichbare Daten.
Die aktuell verfügbaren Ergebnisse zeigen insgesamt eine weiterhin günstige Resistenzsituation bei den wichtigsten Mastitiserregern in der Schweiz. Zwar werden bei einzelnen Erregern Veränderungen beobachtet, Hinweise auf eine breitflächige Zunahme schwerwiegender Resistenzen liegen derzeit jedoch nicht vor. Die präsentierten Daten unterstreichen gleichzeitig die Bedeutung eines verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatzes, um diese günstige Ausgangslage langfristig zu erhalten.
Mit Blick auf die Zukunft soll das Resistenzmonitoring weiter ausgebaut und die Datengrundlage laufend verbessert werden. Konsolidierte Datenbankabfragen werden voraussichtlich ab Anfang 2027 zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wird geprüft, ob das überwachte Erregerspektrum künftig erweitert oder angepasst werden soll.
Praxis-Fazit
Die bakteriologische Milchuntersuchung bleibt ein zentrales Instrument der Mastitis-bekämpfung. Besonders wertvoll ist die Identifikation des verursachenden Erregers, da sie wichtige Hinweise für Therapie, Prognose und Bestandesmanagement liefert. Antibiogramme können Therapieentscheidungen unterstützen, müssen jedoch immer im klinischen Kontext interpretiert werden. Die aktuelle Resistenzlage in der Schweiz ist insgesamt erfreulich, was die Bedeutung einer sorgfältigen Diagnostik und eines gezielten Antibiotikaeinsatzes zusätzlich unterstreicht.
Stoffwechsel, Mykotoxine, Wasser – welche Rolle spielt die Fütterung für die Eutergesundheit?
Markus Rombach (Agridea)
Mastitis ist eine multifaktorielle Erkrankung, bei der die Fütterung eine grosse Rolle spielt. Stoffwechselerkrankungen (insbesondere zu Beginn der Laktation), das Vorhandensein von Mykotoxinen, die Proteinversorgung sowie Mineralstoffe/Spurenelemente und Vitamine sind kritische Faktoren. Eine ausgewogene Fütterung beeinflusst nicht nur die Milchmenge, sondern auch den Immunstatus der Kühe. Eine Mastitis steht oft im Zusammenhang mit einem Stoffwechselproblem wie Ketose oder subakuter Pansenazidose, kann aber auch durch das Vorhandensein von Mykotoxinen beeinflusst werden. Die entscheidende Phase ist die Transitphase in den drei Wochen vor dem Abkalben.
Der negative Energiehaushalt tritt zu Beginn der Laktation auf, wenn die Kuh für ihre Milchproduktion auf ihre Reserven zurückgreift. Dies hat zur Folge, dass die Aktivität der Neutrophilen Granulozyten (Weisse Blutkörperchen) sowie andere Abwehrmechanismen reduziert werden. Die Trockenstellphase ist besonders kritisch, um das Risiko einer Ketose zu begrenzen. Zu Beginn der Trockenstellphase sollte eine Verfettung vermieden werden, indem strukturiertes, schmackhaftes, aber energiearmes Futter angeboten wird, um das Pansenvolumen zu erhalten. In der Vorbereitungsphase auf die Geburt sollte der Energiegehalt der Ration moderat erhöht werden, wobei für eine ruhige Umgebung und optimalen Zugang zu Wasser gesorgt werden muss.
Eine subakute Pansenazidose führt zur Freisetzung von Endotoxinen mit starker entzündungsfördernder Wirkung, was die Immunabwehr schwächt und das Risiko einer Euterentzündung erhöht. Zu viele leicht vergärbare Kohlenhydrate stören zudem die Pansenflora, was insbesondere bei einer unausgewogenen Ration oder bei Hitzestress zu eine Übersäuerung des Pansens führen kann.
Das Vorhandensein von Mykotoxinen im Futter beeinträchtigt das Immunsystem sowie die Darmbarriere, wodurch die Infektionsresistenz verringert und ein metabolischer Stress für die Leber ausgelöst wird.
Die Wirkung der Kombination mehrerer Toxine wird oft unterschätzt. Die Futterhygiene und die Qualität der Silage (Dichte, Konservierung, Hygiene) sind von entscheidender Bedeutung.
Ein Ungleichgewicht bei den Proteinen (Überschuss oder Mangel) beeinträchtigt die Eutergesundheit. Essenzielle Aminosäuren, wie beispielsweise Methionin und Lysin, sind wichtig für ein starkes Immunsystem, da sie neben ihrer Beteiligung an der Proteinsynthese auch eine wichtige Rolle als Antioxidantien spielen.
Therapie von Mastitiden – das „nordische Modell“
Sindre Nelson (Norwegian University of Life Sciences Oslo)
Die Präsentation zeigt, wie die nordischen Länder (Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island) den Antibiotikaeinsatz in der Milchviehhaltung konsequent reduziert haben, ohne dabei die Eutergesundheit zu gefährden. Grundlage dafür sind eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ländern und zwischen Landwirtschaft, Tiergesundheitsdiensten und Zuchtorganisationen, eine umfassende Datenerfassung sowie eine gemeinsame Philosophie bezüglich guter Tiergesundheit, Tierwohl, nachhaltiger Milchproduktion und zurückhaltendem Antibiotikaeinsatz. Bereits seit 1980 wird bei der Zucht sehr viel Wert gelegt auf die Eutergesundheit der Kühe und seit 1990 gar höher gewichtet als die Milchmenge.
Durch nationale Datenbanken werden Behandlungen erfasst, kontrolliert und ausgewertet. Dies ermöglicht Transparenz, Benchmarking und eine kontinuierliche Verbesserung der Tiergesundheit. Dank ähnlicher Datenbaken und Registrierungssysteme sind Zusammenarbeiten in Forschung und Netzwerken möglich.
Wichtige Kernaussagen:
Therapieansätze und Behandlungsdauer:
Minor pathogens – To treat or not to treat?
Michèle Bodmer (Wiederkäuerklinik, Vetsuisse-Fakultät Bern)
Die Präsentation beschäftigt sich mit der Bedeutung von Infektionen mit sogenannten „Minor Pathogens“, insbesondere der Gruppe der Non-aureus-Staphylokokken (NAS) sowie von Corynebacterium bovis. Diese Erreger werden häufig bei Kühen mit erhöhten Zellzahlen nachgewiesen und verursachen überwiegend subklinische Mastitiden (über 90%), also solche ohne sichtbare Krankheitssymptome. Im Gegensatz zu den klassischen „Major Pathogens“ führen sie nur selten zu klinischen Erkrankungen oder deutlichen Leistungseinbussen.
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der grossen Vielfalt innerhalb der NAS-Gruppe. Verschiedene Spezies unterscheiden sich hinsichtlich Persistenz, Zellzahlerhöhung, Übertragungswegen und Bedeutung für die Eutergesundheit. Besonders häufig werden in der Schweiz S. chromogenes, S. haemolyticus, S. xylosus und S. simulans nachgewiesen. Viele Betriebe weisen dabei eine dominante NAS-Spezies auf.
Die Epidemiologie dieser Erreger ist komplex. Einige NAS-Spezies scheinen eher mit dem Euter assoziiert zu sein, während andere hauptsächlich im Strichkanal vorkommen und möglicherweise lediglich als Begleitflora in Milchproben erscheinen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte NAS-Arten Teil des natürlichen Eutermikrobioms sind und sogar eine schützende Wirkung gegenüber bedeutenderen Mastitiserregern entfalten können.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Resistenzsituation. In der Schweiz wurde bei NAS in den letzten Jahren ein teilweise hoher Anteil an Penicillinresistenzen festgestellt. Je nach Studie und Region variieren die Werte erheblich. Deshalb sollte bei Therapieentscheidungen die Speziesbestimmung sowie die Resistenzlage berücksichtigt werden. Hervorgehoben wurde, dass vorschnelle Behandlungen (vor Eintreffen des Laborresultates) insbesondere bei subklinischen Mastitiden nicht notwendig sind.
Der Erreger Corynebacterium bovis kann im gesunden Viertel aber auch bei subklinischen Infektionen vorkommen. Er ist einen Bewohner der Strichkanäle, deshalb können beeinträchtige Strickkanalöffnungen und fehlendes Zitzentauchen das Vorkommen begünstigen.
Fazit: Die NAS sowie die C. bovis sollten nicht in der Laktation behandelt werden. Vielmehr kann eine Ausheilung über das Trockenstellen erreicht werden.
Umweltstreptokokken - Risikofaktoren, Vorgehen auf Betriebsebene und Therapie
Volker Krömker, Hochschule Hannover
Eutergesundheit ist eine Kombination aus Senkung der Neuinfektionsrate, Verkürzung der Infektionsdauer und Verhindern des Überganges von subklinischen zu klinischen Erkrankungen.
Früher unterschieden wir nur ansteckende Keime und Umweltkeime. Heute wissen wir, dass es nicht ganz so schwarz-weiss ist: Bei Staph. aureus sind 80% der Infektionen in einem Betrieb durch denselben Stamm verursacht, bei Strep. dysgalactiae lediglich 50%. Bei Strep. uberis werden etwa 50% der Infektionen in einem Betrieb durch 3 unterschiedliche Stämme verursacht. Bei den anderen Mastitiserregern werden weniger als 4% durch den gleichen Stamm verursacht. Dazu kommt bei Strep. uberis eine Saisonalität: Im Winter ist die Diversität der Mastitis-verursachenden Stämme höher, im Sommer verursachen nur wenige Stämme Mastitiden. Warum ist das so? Im Sommer erleiden die Tiere Hitzestress, was zu einer verminderten Abwehr führt. Vorhandene Stämme können sich besser vermehren und es werden mehr Keime ausgeschieden. Schon ab THI 60 (Temperature-Humidity Index, engl. Temperatur-Feuchte-Index) – also bei 20°C und 60% Luftfeuchtigkeit - ist eine stärkere Ausscheidung zu beobachten.
Der Wartebereich, Treibwege, der Tränkebereich sowie Melkzeuge sind Orte, an denen dieselben Stämme auftreten, welche auch in den Vierteln nachgewiesen werden. Die bakterielle Heilungsrate bei Strep. uberis ist eigentlich hoch (75%). Jedoch gibt es mit Strep. uberis viele erneute Euterinfektionen (24% haben eine Folgeinfektion, 14.8% davon mit dem gleichen Stamm).
In jedem Fall sollte bei einer Strept. uberis Erstinfektion ein Entzündungshemmer eingesetzt werden, was die Wahrscheinlichkeit von Rezidiven vermindert.
Aufgrund der verschiedenen Rückzugsorte der Mastitiserreger müssen auch entsprechende Bekämpfungskonzepte an den jeweiligen Erreger angepasst werden.
Grundsätzlich wird eine niedrige Neuinfektionsrate angestrebt. Im Idealfall sollten weniger als 10% der Tiere pro Monat einen Zellzahlanstieg über den Grenzwert von 100‘000 Zellen/ml entwickeln. Ab 30% spricht man von einem Problembetrieb. Wie erreichen wir das? Wichtige Faktoren sind: Saubere und trockene Boxen und Laufwege, saubere Zitzen und Euter (90% müssen sauber sein; Euterscore 1 und 2) sowie eine gute Zitzenkondition. Bei der Überprüfung der Zitzensauberkeit werden die Zitzen nach der Melkvorbereitung mit einem Alkoholtupfer abgewischt. Bei 19 von 20 untersuchten Tieren sollte der Tupfer ganz sauber bleiben. Ist dies nicht der Fall, muss an der Zitzenreinigung vor dem Melken gearbeitet werden. Der Einsatz eines sogenannten „Teat scrubbers“ kann hier eine Hilfe sein, jedoch muss dieses Instrument ebenfalls sauber gehalten werden.
Eine ausreichend gute Zitzenkondition ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Reinigung, eine Zitze mit Hyperkeratose kann kaum ganz sauber gereinigt werden. Kommen bei mehr als 20% der Zitzen Hyperkeratosen vor, muss die Melkeinrichtung überprüft werden
Bei der Boxeneinstreu sollte die Deckschicht weniger als 30% Feuchtigkeit aufweisen, um das Bakterienwachstum zu hemmen. Ideal ist eine Einstreu, welche Mastitiskeimen keine guten Bedingungen für ihr Wachstum bieten, also keine Pressgülle, Biogassubstrat oder frische Späne vom Sägewerk. Die Deckschicht muss alle 2 Tage erneuert werden. Wichtig ist auch die tägliche Pflege. Der pH muss unter 5 oder über 9 liegen, um einen wachstumshemmenden Effekt auf die Keime zu erzielen.
Unheilbare Kühe sollten den Betrieb verlassen, da sie ein Ansteckungsrisiko für die anderen Tiere darstellen. Bei 3 Wägungen über 700‘000 Zellen/ml oder mehr als zwei klinischen Mastitiden pro Laktation gilt eine Kuh als chronisch infiziert.
Bei Vorhandensein von Kuh-assoziierten Erregern ist das Ausmerzen chronischer Trägertiere besonders wichtig. Zudem muss eine Melkreihenfolge bestimmt werden, wobei die gesunden Tiere zuerst und die kranken am Schluss gemolken werden. Sollte dies nicht möglich sein (z.B. am Roboter oder in Laufställen), muss eine Zwischendesinfektion des Melkzeuges erfolgen.
Über die Galtzeit sollte es bei weniger als 15% der Tiere zu Neuinfektionen kommen. Hier wird die erste Milchwägung vor dem Galtstellen und die erste in der neuen Laktation berücksichtigt. Euterentzündungen ganz zu Beginn der Laktation werden also dazu gezählt.
Zwei Wochen vor der Geburt erreichen Kühe oft ihre maximale Eutergesundheit. Aber genau zu diesem Zeitpunkt werden die Tiere häufig in die Abkalbeboxe umgestallt, Neuinfektionen nehmen dann wieder zu. Eine mögliche Erklärung ist die Schwäche des Immunsystems im geburtsnahen Zeitraum sowie eine mangelnde Hygiene im Abkalbebereich. Bezüglich der Behandlungsdauer von Strep. uberis wird eine Dauer von 5 Behandlungstagen empfohlen. Eine längere Therapie verbessert den Behandlungserfolg nicht.


