Martin Kaske, martin.kaske@rgs-ntgs.ch
Über die problematische Situation bzgl. Tiergesundheit und Einsatz von Antibiotika bei Kälbern wird viel und intensiv diskutiert – IS ABV-Zahlen, das neue Impf-Obligatorium und das nunmehr abgeschlossene Ressourcenprogramm «Kälbergesundheitsdienst» sind wichtige Stichwörter. Aber hat sich eigentlich wirklich etwas verändert in den zurückliegenden Jahren?
Das sollte im Rahmen einer Online-Umfrage der Rindergesundheit Schweiz (RGS) und des Kälbergesundheitsdienstes (KGD) abgeklärt werden, die im September 2025 initiiert wurde. Angeschrieben wurden alle 158 Tierärzte oder Tierarztpraxen, die zu diesem Zeitpunkt eine Dienstleistungsvereinbarung mit der RGS unterzeichnet hatten. Obwohl exakte Zahlen der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) fehlen, darf davon ausgegangen werden, dass damit die überwiegende Mehrheit der Schweizer Nutztierpraxen kontaktiert wurde. Die Rücklaufquote der Fragebögen war mit 69.6 % (110 der 158 Tierärzte) unerwartet hoch. Gemäss der Rückmeldungen praktizieren 87 Tierärzte in der Ost- oder Zentralschweiz und 23 in der Westschweiz.
Gefragt nach der Gesundheit von Kälbern in den ersten Lebenswochen auf den Geburtsbetrieben berichteten 55 % der insgesamt 96 Praktiker, dass sich diese in den zurückliegenden Jahren verbessert habe (41 % geringfügig, 14 % deutlich), während 38 % keine wesentlichen Änderungen rapportierten und 7 % eine schlechtere Tiergesundheit (5 % geringfügig, 2 % deutlich).
Im Hinblick auf den Einsatz von Antibiotika auf Kälbermastbetrieben berichteten wiederum 48 % der in der Kälbermast tätigen 68 Tierärzte von einem verminderten Einsatz in den letzten Jahren (32 % geringfügig, 16 % deutlich), während in 44 % der Praxen keine wesentlichen Änderungen aufgefallen waren und 8 % einen erhöhten Einsatz von Antibiotika beobachteten (7 % geringfügig, 1 % deutlich).
Der Einsatz von Antibiotika auf Grossviehmastbetrieben ist nach Einschätzung von 31 % der involvierten 45 Tierärzte konstant geblieben, hat sich nach Auffassung von 62 % dieser Tierärzte vermindert (44 % geringfügig, 18 % deutlich) bzw. bei 7 % der Tierarztpraxen erhöht (5 % geringfügig, 2 % deutlich).
Als wichtigste Gründe für positive Entwicklungen wurden u. a. genannt:
Befragt nach der Einschätzung von Gründen für fehlende positive Veränderungen oder gar Verschlechterungen wurden u. a. angeführt:
Auffallend war ein in der Westschweiz verglichen mit der deutschsprachigen Schweiz geringerer Anteil von Geburtsbetrieben mit Verbesserungen der Tiergesundheit bzw. ein höherer Anteil von Mastbetrieben, die konstant weiter bzw. mehr Antibiotika einsetzen. Dies ist sicher auf mehrere Faktoren zurückzuführen – doch ein nicht zu vernachlässigender Einflussfaktor ist sicher auch die geringere Präsenz des KGD in der Romandie verglichen mit der Ost- und Zentralschweiz.
Zusammenfassend ergibt sich der Eindruck, dass die Aktivitäten des KGD zur Fort- und Weiterbildung von Landwirten und Tierärzten durchaus einen signifikanten Einfluss auf die Tiergesundheit und den Umfang des Einsatzes von Antibiotika bei Kälbern hatten und haben. Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse, dass die flächendeckende Umsetzung von vorbeugenden Massnahmen eine langfristige Herausforderung darstellt: in Jahrzehnten etablierte Abläufe und Routinen auf Geburtsbetrieben, im Handel und auf den Mastbetrieben resultieren in Beharrungskräften (”Habit loop”), die sowohl auf Ebene des einzelnen Landwirts als auch auf Ebene der Branche nur mit extremen Aufwand überwunden werden können. Es ist deshalb zwingend, die Aktivitäten des KGD weiterzuführen und auszubauen, nachdem der KGD in den letzten Jahren einen beachtlichen nationalen Bekanntheitsgrad und hohe Reputation erreichte. Die Eingliederung des KGD in die Rindergesundheit Schweiz bietet dafür herausragende künftige Möglichkeiten.